Art Text

Deutschland

Anne-Sophie Schütz
Perthes-Gymnasium Friedrichroda
Gefällt mir 272 Gefällt 272 Mal
47 Aufrufe

Eine junge selbstbewusste jüdische Frau in Deutschland

Galina Tchechnitskaia im Porträt 

Da das jüdische Leben durch die momentanen Konflikte in Israel und deren Auswirkungen  wieder in die Nachrichten gerückt ist, kommen auch Gedanken zum jüdischen Leben in Deutschland auf. Ich fragte mich z.B.: „Wie ist es, in einem Land zu leben, welches Millionen von deinen Vorfahren umgebracht hat?“ und „Fühlt man sich dabei wohl und verstanden?“  

Um dieses Leben besser verstehen zu können, habe ich Galina Tchechnitskaia interviewt. In diesem Porträt möchte ich eine in Omsk (Sibirien) geborene junge Frau vorstellen, welche ich bei der Aktion „Meet a Jew“ an meiner Schule online kennengelernt habe.  

Galina Tchechnitskaia lebt heute in Berlin und ist ein Beispiel für eine nicht sehr streng religiöse Jüdin in Deutschland. Galina Tchechnitskaia studiert an der Humboldt-Universität Lehramt und engagiert sich in ihrer Freizeit für einige jüdische Projekte.  

Trotz des stressigen Uni-Alltags findet sie immer Zeit für ihre Religion, das Judentum. Sie ist eine von rund 225.000 Juden und Jüdinnen in Deutschland.  (laut https://mediendienst-integration.de/gruppen/judentum.html)  

Doch wie bekommt man Religion und Alltag unter einen Hut? 

Zuerst muss man sagen, dass Galina nicht zu den streng religiösen Juden gehört und deshalb nicht alle jüdischen Lebensregeln einhält. Dies ist aber nicht unüblich im Judentum, da die Religion niemanden zwingt. Jedoch glaubt sie an Gott. Dieses nicht sehr streng religiöse Leben hat sie von ihrer Familie übernommen, welche aufgrund des damaligen Verbots der Religion in der Sowjetunion das Judentum nicht ausleben durfte. Man nannte die Religion das Opium des Volks und eine freie Religionsausübung war nicht gern gesehen. Heutzutage kann Galina ihre Religion frei ausleben.  

Während ihrer Schulzeit hat sie sich oft Schulbrote mit zur Schule gebracht, was jedoch nicht durch die Essensregeln begründet wird, denn da sie nicht koscher isst, sondern Ausnahmen macht, konnte sie auch einige Male in der Kantine essen. Dies funktioniert aber nur bei ihr, da sie zum Beispiel kein Problem dabei hat, auch Fleisch- und Käseprodukte zusammen zu essen, jedoch isst sie kein Schweinefleisch, da es im Judentum als ein unreines Tier gilt (nicht koscher).  

Andere streng religiöse Juden und Jüdinnen in Deutschland nehmen sich oft etwas zu essen mit zur Schule, da es in der Kantine oft kein koscheres Essen gibt. Außerdem ist Galina der Meinung, dass Fasten während der Schule kein Problem ist, da man niemanden in der Schule zum Essen zwingt, jedoch fastet Galina Tchechnitskaia nur an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, welches der höchste Feiertag im Judentum ist und am 9. Av begangen wird. Es ist ein jüdischer Trauer- und Fastentag, der an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels erinnert.  

Um mehr über ihre Religion zu erfahren, hatte Galina Religionsunterricht in der jüdischen Gemeinde. Dieser Unterricht ersetzte für sie den Religionsunterricht an ihrer Schule, dies ist bei vielen jüdischen Kindern in Deutschland der Fall.  

In den Sommerferien ist Galina immer in Sommercamps gefahren, in denen sie viel Spaß und Freude mit anderen jüdischen Kindern hatte. Zudem haben sie dort auch über jüdische Themen gesprochen.  

Außerdem ist sie oft auf Seminare jüdischer Organisation, wie der ZWST (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden) gefahren, bei denen es um das jüdische Leben ging. Zudem ist sie im Vorstand der JU Berlin Mitte (Junge Union), im RCDS (Ring Christlich- Demokratischer Studenten) und im STuPa (Studentenparlament) an der Humboldt-Universität ein aktives Mitglied.  

Galina Tchechnitskaia feiert die jüdischen Feiertage Hannuka, Pessach, Purim, Shawout, Sukkotund Rosch HaSchana. Einige dieser Feiertage feiert sie im Kreise der Familie, da dies sehr wichtig im Judentum ist. Ihr sind diese Feste am wichtigsten, da es die höchsten Feiertage sind. An diesen Tagen trägt sie elegante Kleidung, isst traditionelles Essen und geht zum Beten in die Synagoge.  

Außerdem engagiert sich Galina Tchechnitskaia bei der Organisation „Meet a Jew“, mit der sie an verschiedene Schulen geht, über das Judentum berichtet und Fragen beantwortet. Sie betont, dass sie immer wieder gerne auf die sehr interessanten Nachfragen der Schüler eingeht. Wenn sie an die Bildungsstätten kommt, berichtet sie auch von ihrer Geschichte und über die Art und Weise, wie sie das Judentum auslebt, wobei sie immer den Akzent auf das junge jüdische Leben in Deutschland legt.  

Dabei ist ihr wichtig, dass „Juden nicht nur in Schulbüchern existieren - wenn es um den Holocaust geht“, sondern dass auch die Vielfalt des jungen jüdischen Lebens dargestellt wird, da es so viele verschiedene Strömungen gibt. Strömung bedeutet in diesem Fall, dass es viele Juden gibt, die ihre Religion immer anders auslegen, dies stellt das Judentum auch jedem Gläubigen frei.  

Als Beispiel für jüdisches Leben in Deutschland erzählt sie vom Jewrovision, dem größten jüdischen Tanz- und Gesangswettbewerb Europas. An diesem Wettbewerb ist Galina selbst seit 2011 beteiligt, wobei sie in den letzten beiden Jahren eine Zentralratmadricha (Helferin für die Jewrovision) war und als Tutor der Kinder, welche für Deutschland dort starteten, zur Verfügung stand.  

Die Verbreitung der jüdischen Werte liegt ihr besonders am Herzen, wie zum Beispiel die Gebote und die verschiedenen jüdischen Begriffe, weshalb sie jahrelang in jüdischen Jugendzentren Kindern und Jugendlichen spielerisch die verschiedenen Werte nahegebracht hat.  

  

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Leben von Galina Tchechnitskaia nicht sonderlich anders als das jeder anderen jungen Frau in Deutschland ist, da sie nicht sehr streng jüdisch lebt und ihr Leben nicht hundertprozentig nach den Vorgaben der Religion ausrichtet.  

Nach diesem Interview habe ich versucht, mir meine Fragen selbst zu beantworten, dabei möchte ich betonen, dass ich nur für mich sprechen kann.  

Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde. Ich glaube, ich hätte ein mulmiges Gefühl, da auch in Deutschland der antisemitische Gedanke noch weit verbreitet ist und ich immer Angst hätte, dass sich diese schreckliche Zeit wiederholt. Zumal man gerade jetzt sieht, wie viele deutsche Bürger antisemitisch denken und handeln, in dem sie Parolen brüllen und Flaggen anbrennen.  

Außerdem befürchte ich, dass aufgrund der Coronapandemie die Verschwörungstheorien in Deutschland wieder hochkochen. Unter diesen ist auch die Theorie, dass die Jüd:innen die Welt erobern wollen, weit verbreitet. Dies zeigt, dass sich das Blatt auch in Deutschland wieder wenden könnte, was man auch im Roman „Die Welle“ von Morthon Rhue nachlesen kann. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass es derzeit in Deutschland die niedrigste Anzahl von Jüd:innen seit 20 Jahren gibt.  

Allerdings würde ich dem Land eine zweite Chance geben, da die Menschen andere sind, die Zeit fortgeschritten ist und vor allem die Jugend viel vielfältiger und offener ist als früher. 

Anne-Sophie Schütz