Die Instrumentalisierung der Weimarer Klassik für eine nationale Identität
Die Weimarer Klassik wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Instrument zur Etablierung eines deutschen Nationalismus ausgenutzt, indem Weimar als "Wiege der deutschen Kultur" zu einer Art heiligen Stätte verklärt wurde und die Aussagen der Dichter Weimars, in erster Linie Goethes und Schillers, so aus ihrem Kontext genommen und zurechtgestutzt wurden, dass sie die Ziele der aktuellen Politik zu unterstützen schienen.
Schon im Jahre 1800 gab es eine Art Wallfahrt nach Weimar, wenn Bildungsbürger aus dem gesamten deutschen Raum die Stadt der deutschen Klassik besuchen wollten. Die Ballung so vieler kultureller Größen in einer Stadt gab die Illusion einer Kultur-Hauptstadt Deutschlands, die umso wichtiger war, da die politische Einigung Deutschlands nach wie vor nicht realisiert war. Dabei sah man bewusst über die relative architektonische Schlichtheit des Ortes hinweg, um stattdessen nur kulturelle Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Diese Absetzung von der Realität erkennt man auch an den zahlreichen Spitznamen der Stadt, wie zum Beispiel "Musenhügel" oder "Ilm-Athen".
Als Otto von Bismarck die Einigung Deutschlands 1871 "mit Eisen und Blut" erzwungen hatte, wurde er insbesondere in Thüringen mit Goethe in Verbindung gebracht. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Weimar, Schiller und Goethe vermehrt als Symbole für den deutschen Nationalismus gebraucht: Weimar galt als Gegenstück zur von Internationalismus und Kapitalismus geprägten Großstadt Berlin und stand so für deutsche Werte.